Boliviens Neugründung als plurinationaler Staat?

– Resumen-

Bolivia es un país que está muy dividido en todos los aspectos. Por un lado está el sistema occidental que construyó su predominancia al cabo de la historia y que está representado por una minoría blanca elitista. Los privilegios defendidos por esta élite no solamente se demuestran en la supremacía económica pero en todas las dimensiones que determinan la realidad de la vida del pueblo boliviano: la dimensión cultural, así como política y social. Por el otro lado se encuentra la mayoría de la población que está caracterizada por una gran diversidad cultural. Estos grupos no tienen mucho en común a pesar de ser los perdedores en el orden social predominante. En su mayoría son pueblos indígenas y campesinos que sufren por la falta de reconocimiento de sus propios sistemas.

Oficialmente desde la constitución de 1994, el modelo de estado de Bolivia es pluricultural, reconociendo la diversidad cultural de su nación. Sin embargo, el reconocimiento se limita básicamente en esa definición pero no ha tocado la realidad de vida de los más pobres en Bolivia. Consecuentemente, estos mismos se levantaron reclamando los derechos de los pueblos indígenas así como el reconocimiento de sus sistemas de jurisdicción y la autonomía de sus comunidades. Cuando Evo Morales, como primer presidente indígena, tomó el poder en el 2005, un cambio constitucional era el punto más importante en su agenda. Detrás de esta, estuvo la idea de que un cambio social profundo solamente puede realizarse en medio de una materialización de los derechos. Que esta idea estuvo parcialmente lejos de la realidad, se demostró rápidamente. El Movimiento al Socialismo (MAS), el partido de Morales, tenía la mayoría en el parlamento de los diputados, pero no en el senado así que la oposición acordó una asamblea constituyente (la cual quería Morales para llevar a cabo la reforma constitucional) pero a cambio de un referéndum con respecto a las autonomías departamentales que le permitiría a la oposición mantener sus privilegios. La oposición aprovechó esta oportunidad y los cuatro departamentos mas ricos (La Media Luna que comprende los departamentos de Santa Cruz, Beni, Pando, Tiraja) se decidieron por su autonomía sabiendo que así se podían escapar de la influencia del gobierno central, preservando sus privilegios históricos.

Los resultados de la constitución reflejan perfectamente las batallas entre el MAS y las fuerzas de la oposición- una dinámica que resultó en muchos compromisos que están favoreciendo a las elites tradicionales. Por un lado, la constitución resultó en muchos avances, entre ellos el concepto del buen vivir, la extensión de los derechos humanos reconociendo derecho económicos, sociales y culturales, el reconocimiento de la jurisprudencia indígena y de la autonomía de las comunidades indígenas, etc. Sin embargo, la teoría constituyente y la realidad se alejan mucho. Un ejemplo de eso es el modelo económico boliviano que está basado en la explotación de los recursos naturales. Muchas veces este modelo entra en conflicto con los derechos sociales de las personas indígenas quienes no tienen acceso a recursos importantes como el agua, la electricidad entre otros. Sin embargo, tomando en cuenta que las desigualdades sociales en Bolivia han estado ahí por siglos y que la nueva constitución ha sido adaptada en el 2009, los análisis sobre las reformas solo pueden dar resultados momentáneos. Análisis más profundos solo pueden hacerse a largo plazo. Lo único seguro es que la lucha por la igualdad social, económica, política y cultural no se terminó con la nueva constitución pero acaba de empezar.

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Bolivien ist ein mehrfach gespaltenes Land. Sichtbare und teilweise subtil wirkende Demarkationslinien trennen die Bevölkerung anhand ethnischer, wirtschaftlicher, kultureller und politischer Kriterien. Weniger präzise, aber dennoch treffend, könnte man die Demarkationslinien auch wie folgt bezeichnen: Auf der einen Seite steht das in allen Lebensbereichen dominierende okzidentale System als koloniales Überbleibsel, welches die westlichen Werte einer kleinen weißen Minderheit darstellt und von eben jener Elite verteidigt und reproduziert wird. Damit verbunden sind liberale Werte wie Freiheit und Fortschritt, welche nach modernisierungstheoretischen Überlegungen mit dem Wunsch verbunden sind durch Adaption des westlichen Systems zu Prosperität und Entwicklung zu gelangen. Das vorherrschende System beschränkt sich jedoch nicht auf seine wirtschaftliche Dimension. Vielmehr wird die komplette Lebensrealität der bolivianischen Bevölkerung von ihm durchdrungen, was sich in einer kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und ethnischen Vorherrschaft der Eliten äußert. Auf der anderen Seite der Trennlinie herrscht ein Pluralismus an Werten und Systemen, die nur wenige gemeinsame Merkmale haben- unter anderem die Tatsache, dass sie dominiert werden und dass sie zur ärmsten Bevölkerungsschicht gehören. Darüber hinaus müssen zur Vereinfachung vorgenommene Versuche die beiden Seiten der Medaille als uniforme Blöcke darzustellen notwendigerweise in ihre Schranken gewiesen werden. Es kann eben nicht von einem „indigenen“ Block die Rede sein. Bolivianische Tief- und Hochlandvölker unterscheiden sich maßgeblich in Traditionen und Wertesystemen und selbst die Differenzierung in Hoch-und Tieflandvölker ist bereits unzulänglich. Des Weiteren darf auch keine pauschale Gleichsetzung zwischen ländlichen und indigenen Völkern stattfinden, möchte man nicht riskieren den Diskurs über die Rechte indigener Völker durch die Umbenennung in ländliche Völker zu neutralisieren. Fest steht jedenfalls, dass es auf dieser Seite der Trennlinie eine Vielzahl von indigen geprägten Systemen gibt, partikulare Werte, Kultur-, Organisations- und Rechtssprechungsformen, welche bestenfalls als Subsysteme dem okzidentalen System untergeordnet werden, schlechtestenfalls vom ihm kriminalisiert und demontiert werden.

Seit der Verfassungsänderung 1994 hat Bolivien offiziell den Übergang von einem homogenistischen zu einem pluralistischen Staatsmodell geschafft. Dieser Übergang manifestierte sich in der Verfassung größtenteils in der Deklarierung Boliviens als plurikultureller und multiethnischer Staat und stellte einen mehr oder weniger halbherzigen Versuch der Regierung dar, dem pluralistischen Charakter Boliviens Bevölkerung Rechnung zu tragen. Theoretisch fanden seitdem indigene Systeme offizielle Anerkennung und Eingang in das nationale Bewusstsein, faktisch vollzog sich die Anerkennung jedoch eher symbolisch und wenn überhaupt auf untergeordneter Ebene. Die Lebensrealität der Mehrheit der Bevölkerung blieb davon unberührt. 2001 auto-identifizierten sich 62% der Bevölkerung als Anhänger einer indigenen Gemeinschaft. Das zahlenmäßige Gewicht dieser Bevölkerungsgruppe schlug sich allerdings nach wie vor weder in politischem noch in wirtschaftlichem Gewicht nieder. Diese Disparitäten wurden zu Recht von der indigenen Bevölkerung aufgegriffen und mündeten in zahlreichen Protestbewegungen, angeführt von indigenen Tieflandvölkern, welche in ihrer Region zur ethnischen Minderheit gehören. Der Wunsch nach Anerkennung und Gleichstellung der Systeme mündete immer wieder in der Forderung nach einer Verfassungsänderung. Von einer neuen Verfassung versprach man sich (aus einer teilweise naiven Vorstellung heraus) umfangreiche und dauerhafte Umwälzungen, welche den mit Rechtsgarantien ausgestatteten indigenen Vertretern die Möglichkeit geben könnten ihre Rechte notfalls vor Gerichten, wenn nicht sogar vor dem Verfassungsgericht, durchzusetzen. Mit dem Amtsantritt 2005 von Evo Morales, dem ersten indigenen Präsidenten Boliviens, welcher sich als Vertreter der indigenen und ländlichen Bevölkerung ebendiese Verfassungsänderung auf die politische Agenda gesetzt hatte, schien die gesellschaftliche Umwälzung zum Greifen nahe. Juli 2006 trat die Verfassungsgebende Versammlung zusammen. Jedoch mussten Befürworter einer Reformierung schnell erkennen, dass tiefgreifende Veränderungsversuche unweigerlich auf den heftigsten Widerstand der Opposition trafen, welche jede ihr zur Verfügung stehenden Mittel nutzte, um die Arbeit der Versammlung zu boykottieren. Hatte die Regierungspartei MAS (Movimiento al Socialismo) zwar eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus, stand der Senat als zweite Kammer nach wie vor unter der Kontrolle der Opposition- ein Umstand, der letztere in die Lage versetzte die Wahl zu einer Verfassungsgebenden Versammlung an Bedingungen zu knüpfen. So konnte die Opposition, Sprachrohr der prosperierenden Tieflanddepartements, ihren Forderungen Gewicht verschaffen: ein Autonomiereferendum im Austausch zur Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung. Autonomieforderungen wurden somit zum Dreh- und Angelpunkt der Forderungen sowohl von der Opposition als auch von indigenen Vertretern. Versprachen sich letztere von der Selbstregulierung indigener Gebiete die lange erhoffte Anerkennung ihrer Systeme, war die Forderung nach departementaler Autonomie der Opposition der Versuch sich der Zentralregierung und gesellschaftlichen Veränderungen weitestgehend zu entziehen und sich vorherrschaftliche Privilegien und den Zugriff auf departementale natürliche Ressourcen zu sichern. Die vier wirtschaftlich prosperierenden Departements der media luna (Santa Cruz, Beni, Pando, Tiraja.) sprachen sich innerhalb des Referendums klar für ihre Autonomie aus.

Boykottversuche durch oppositionelle Kräfte und Kompromissergebnisse zwischen MAS und Opposition durchzogen wie ein roter Faden die Arbeit und Ergebnisse der Versammlung, sodass die Schlussfassung, welche letztendlich der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt wurde, das müde und übereilte Ergebnis monatelanger Kämpfe darstellte und in wichtigen Punkten Zugeständnisse an die Eliten machte. Im Großen und Ganzen ist das Ergebnis der neuen Verfassung gemischt zu betrachten. Insbesondere ist eine Kluft zwischen Verfassungstheorie und Realität feststellbar. So erkennt die neue Verfassung einerseits das Recht auf indigene Selbstverwaltung und Rechtsprechung an und erweitert die allgemeinen Menschenrechte wesentlich um die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte (WSK-Rechte), indem der freie Zugang zu Wasser, Elektrizität, Unterkunft, Bildung etc. staatlich garantiert und gefördert wird. Des Weiteren sollen indigene Gemeinschaften über die sich in ihren Territorien befindlichen erneuerbaren Ressourcen eigenverantwortlich entscheiden und beim Abbau von natürlichen Ressourcen konsultiert werden. Faktisch sind der indigenen Autonomie und den WSK-Rechten allerdings enge Grenzen gesetzt: nicht-okzidentale Rechtssysteme finden nur Anwendung innerhalb des indigenen Territoriums und in Bezug auf die eigenen Anhänger, sie werden des Weiteren durch die ausschließlichen Kompetenzen der ordentlichen (okzidental ausgerichteten) Rechtsprechung eingegrenzt. Faktisch gestaltet sich auch die Konsultationspflicht beim Abbau natürlicher Ressourcen als äußerst konfliktreich, sodass das auf Ausbeutung natürlicher Ressourcen basierende bolivianische Wirtschaftsmodell immer wieder mit fundamentalen Menschenrechten in Konflikt tritt, wenn der Bevölkerung durch groß angelegte Bauprojekte und durch den Abbau von natürlichen Ressourcen in ihren Gebieten der Zugang zu Wasser, Elektrizität und anderen Grundprodukten und Dienstleistungen verwehrt wird.

Verfassungstheorie und Realität driften in Bolivien weit auseinander. Wie also ist die neue Verfassung nun zu bewerten? Zunächst sollte man sich allgemein vor Augen halten, dass seit der Inkraftsetzung der Verfassung im Januar 2009 gut dreieinhalb Jahre vergangen sind- eine kurze Zeit, wenn man sich die historisch gewachsenen Ungleichheiten dieses Landes vor Augen hält. Eine tiefgreifende Analyse der Reformierungsversuche kann zum jetzigen Zeitpunkt daher nur erste Zwischenergebnisse darstellen. Unumstößlich ist jedoch, dass eine Reform, die auf die Transformation des bestehenden Staatsmodells zu Gunsten der Anerkennung des pluralistischen Charakters Boliviens abzielt, nur dann als erfolgreich erachtet werden kann, wenn eine tiefgreifende Neuordnung der vorherrschenden Strukturen, welche den Reichtum der einen und die Armut der anderen Bevölkerungsschicht bedingen, vollzogen wird. Zur Umsetzung faktischer Gleichheit bedarf es wesentlich mehr als eines Verfassungstextes. Die relevanten Akteure müssen die anerkannten Rechte auch konsequent durchsetzen und sich in der Konfrontation mit traditionellen Eliten, welche ihren Vormachtstatus mit allen Mitteln verteidigen, behaupten. Der Kampf um Anerkennung und soziale Gleichheit hat mit der Verfassung den Eingang in die politische Debatte gefunden. Die neue Verfassung nimmt mit dem Konzept des buen vivir, den ausgeprägten Menschenrechten und der Anerkennung indigener Selbstregulierung und Rechtsprechung in der Theorie durchaus eine Vorbildfunktion für ein fortschrittliches Staatsmodell ein, welches weit über die westlich anerkannten liberal-demokratischen Werte hinausgeht. Jenseits der Verfassungstheorie führen die defizitäre Umsetzung der Gesetzestexte und die historisch gewachsenen Ungleichheiten allerdings nur unzureichend zu einer Angleichung der Lebensverhältnisse und einer Aufweichung der Demarkationslinien, welche das Land spalten. Mit der neuen Verfassung wurde also ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem plurinationalen Staat vollzogen, der Kampf um die Umstrukturierung vorherrschender Strukturen hat allerdings erst begonnen.

Marieke Wagenhäuser

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