Fußball und Politik- zwei Paar Schuhe?

Der Fußballhype ist eine Welle, die in zyklischen Abständen über den ganzen Erdball schwappt und dafür sorgt, dass für eine gewisse Zeitspanne alles Geschehen in dieser Welt vermeintlich zum Erliegen kommt. So jedenfalls suggeriert es die mediale Öffentlichkeit, die für ein paar Wochen den Tagesablauf fußballbegeisterter Menschen strukturiert. Wer es wirklich ernst nimmt, sieht bis zu drei Fußballspiele am Tag und kann auch noch nach Mitternacht per Liveübertragung seiner Sportleidenschaft frönen. Insgesamt kann man mit dem perfekten Entertainment rechnen. Alles funktioniert wie am Schnürchen- die einwandfreie Liveübertragung aller wichtigen Spiele, Public Viewing, dazu eine Bratwurst und ordentlich Bier. Was will man mehr?

Rio de Janeiro, Brasilien

Zuckerhut (Pão de Açúcar), Rio de Janeiro, Brasilien © WirNosotros

Aber natürlich gibt es immer noch diese ewigen Kritiker, die, die immer ein Haar in der Suppe finden müssen. Wahrscheinlich sind das jene, die schon als Baby den Brei ausgespuckt haben, wenn er nicht den Standards von Fair Trade entsprochen hat und die in der Walddorfschule gelernt haben ihren Namen zu tanzen anstatt die ersten mathematischen Fakten zu pauken. Können die sich denn nicht mal jetzt zurückhalten? Lasst den Fußball doch einfach mal Fußball sein und verderbt uns nicht dieses einmalige Erlebnis durch diese unsinnige Politisierung! Fußball und Politik- das sind zwei Paar Schuhe!

Diese weitverbreitete Vorstellung von zwei getrennten Sphären- jener der politischen und jener der sportlichen Sphäre-, die fernab voneinander existieren, ist faktisch eine Vorstellung, die man sich nur leisten kann, wenn man sie sich leisten kann. Es ist die Vorstellung vom Fußballaustragungsort als eine Art weißem Fleck auf der Landkarte- nennen wir diesen Fleck doch einfach Fußball- Landia. Es klingt wie das Märchen, das man seinen Kindern kurz vor dem Einschlafen erzählt: Vor langer, langer Zeit, da existierte ein Land Namens Fußball-Landia. Und die Menschen dort waren alle sehr, sehr glücklich, denn sie hatten den Fußball. Die Bewohner von Fußball-Landia brauchten nicht essen und nicht trinken und sie waren auch niemals müde. So spielten sie Tag und Nacht glücklich bis an das Ende ihrer Tage.

Tatsächlich findet die Fußball- Weltmeisterschaft heute 2014 nicht im märchenhaften Fußball-Landia statt, sondern im südamerikanischen Brasilien. Und Brasilien ist auch kein weißer Fleck auf der Landkarte. Vielmehr handelt es sich um ein Land mit seinen ganz eigenen sozialen und kulturellen Partikularitäten, ein Land, in dem ein politisches System herrscht, das Gesetze gibt, welches die Zukunft seiner Bevölkerung zu lenken sucht, welches über die Ressourcen, die Schätze des Landes und ihrer Verteilung entscheidet. Jeder Austragungsort auf dieser Welt, so sehr man auch versucht ihn für eine kurze Zeitspanne zu Fußball-Landia zu machen, ist tatsächlich geprägt von einem komplizierten Zusammenspiel politischer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Faktoren. Der Fußball betritt keinen luftleeren Raum, er muss seinen Platz in einem gemachten Nest finden und als solcher muss er sich fragen welchen Platz er einnehmen möchte, denn betritt er dieses Nest, so verändert er es unweigerlich, ob er will oder nicht. Welche Veränderung möchte ich sein? Möchte ich dieses Nest verbreitern, es verschönern, es bequemer und zugänglicher für alle machen? Oder mache ich mich einfach breit, warte, dass mir ein Wurm in den Schnabel fällt und verlasse das Nest, sobald ich fett genug bin?

Sportliche Großereignisse und insbesondere große Fußballveranstaltungen wie die Fußball-Weltmeisterschaft sind immer mit solchen Fragen verbunden, denn umso größer die öffentliche Aufmerksamkeit und Popularität eines Sportereignisses, desto mehr Ressourcen werden dafür eingefordert und damit wächst auch die Reichweite und Schwere der Entscheidungen, die Politik und Sportveranstalter treffen müssen. Sind die Ressourcen noch dazu begrenzt verfügbar und sozial höchst umkämpft, mangelt es an Investitionen in die Bildungs- und Sozialsystemen eines Landes, so kann man sagen, dass die anderweitige Verwendung dieser Ressourcen eine schwerwiegende und zutiefst politische Entscheidung ist.

Paradoxerweise hat die Politik den Zusammenhang von sportlichen Großevents und ihrem eigenen Wirkungskreis seit jeher verstanden und für sich zu nutzen gewusst. Mit der Ausrichtung von Sportveranstaltungen, gepaart mit der perfekten Inszenierung der eigenen Stärke liegt in solchen Ereignissen großes Potenzial für das Image eines Staates in der globalen Welt. Unzählige Beispiele in der Sportgeschichte lassen sich aufzählen, in der die Politik es geschickt verstanden hat, den Sport zu instrumentalisieren und für die eigene positive Propaganda zu nutzen. Unvergessen bleiben die Olympischen Sommerspiele 1936, in denen die Nationalsozialisten der Welt ihr falsches Gesicht zu präsentieren versuchten, während sich gleichzeitig Rassenwahn und völkische Verblendung weiter ausbreiteten. Trotz Boykottversuche fanden die Spiele statt. Großherzig schenkte man den Worten Glauben, Deutschland wolle die Grundsätze der Olympischen Charta achten. Die Spiele wurden zu einer Farce des Fair Play und hätten ein für allemal deutlich machen müssen, dass Sport niemals die Vorstellung des Nicht-Politischen für sich beanspruchen kann. Die Entscheidung für diese Spiele, in diesem konkreten politischen Kontext war eine genuin politische Entscheidung.

Doch man braucht gar nicht so weit zurückzuschauen in der Geschichte. 2008 fanden die Olympischen Sommerspiele in China statt. Der Gastgeber war auch vor diesem Sportereignis weithin dafür bekannt nicht gerade zimperlich mit den Menschenrechten umzugehen. Die Olympiade kam, fand statt und ging- das korrupte und Freiheitsrechte missachtende Regime in China blieb. Und auch dieses Mal war der Moment der Olympiade perfekt für das Regime, das sich als aufstrebende Wirtschaftsmacht präsentieren und ein Zeichen setzen wollte: für seine Potenz und Stärke in der Welt.

Dass der Sport nach wie vor vorgibt das politische Potenzial seiner Großveranstaltungen nicht zu erkennen, lässt an Ignoranz nicht viel zu wünschen übrig. Dabei klappen die politischen Verbindungen doch ganz gut, wenn es darum geht wie aktuell in Brasilien Druck auf den Gesetzgeber auszuüben, damit das Alkoholverbot in und um die Stadien aufgehoben wird: “Der Alkohol ist Teil der FIFA-WM. Darüber verhandeln wir nicht. Das (WM-)Gesetz muss eine Bestimmung enthalten, wonach wir das Recht haben, Bier zu verkaufen“, äußerte erst kürzlich der Fifa- Generalsekretär Jérôme Valcke und zeigt damit demonstrativ seine Kompromisslosigkeit, wenn es darum geht den Profit der Fifa und ihrer Sponsoren (in diesem Fall der WM- Sponsor Budweiser) gegen die demokratische Gesetzgebung eines Landes zu verteidigen. Das wird ganz einfach nicht verhandelt. Punkt. Aus.

Fernab von diesen politischen Ränkespielen und Intrigen gegen das politische System des Austragungslandes verharren die Sportveranstalter nach wie vor auf ihrer politischen Unbeflecktheit- auf der Trennung von Sport und Politik und verweigern sich damit der notwendigen Diskussion um einen klaren ethischen Verhaltenskodex im Umgang mit der Austragung in sozialgespaltenen Gesellschaften und/oder Unrechtsregimen. Wie folgenreich ein solches Verhalten ist, macht auch der Fall Elisabeth Käsemann deutlich, der erst kürzlich noch einmal von der ARD beleuchtet wurde. Elisabeth Käsemann, eine junge und sozial sehr engagierte Deutsche, hielt sich 1977 in Argentiniern auf. In dieser Zeit wurden unter der Militärdiktatur Tausende inhaftiert, gefoltert und ermordet. Viele Opfer ließ man anschließend verschwinden. Zeitgleich fand ein Jahr vor der WM- Austragung in Argentinien ein Freundschaftsspiel zwischen der deutschen und der argentinischen Nationalmannschaft auf dem Boden des Verbrechens statt, das dem Terrorregime vor allem dazu dienen sollte sein eigenes Image in der Welt aufzupolieren und die Beziehung zu Deutschland zu vertiefen, schließlich war Deutschland einer der wichtigsten Lieferanten von Kriegsmaschinerien. Während die deutsche Regierung und Botschaft in Argentinien keinen Finger rührten, um die nachweislich für ihren Einsatz an vom Regime Verfolgten inhaftierte und gefolterte Elisabeth Käsemann vor dem sicheren Tod zu retten, tat es ihnen der Deutsche Fußballbund gleich und weigerte sich strikt seine öffentliche Rolle für den Schutz der jungen Frau zu nutzen. Hermann Neuberger, zu der Zeit Präsident des Deutschen Fußballbundes, äußerte nur sein Unverständnis für die Politisierung seiner Position: „Wir sind absolute Freunde, treten ein für die Menschenrechte in der ganzen Welt in Ost, in Süd, in West und in Nord. Nur hängen wir unsere Auffassungen nicht so sehr zum Fenster hinaus. Denn dieses durch das Fenster hinaus Proklamieren und Reden nutzt nichts und bringt niemanden weiter. Wir gehen andere Wege. Nämlich die Wege, die unser Außenministerium und die Botschafter der Bundesrepublik auch gehen. Ruhig, gemessen, zurückhaltend.“ Später fügt er noch hinzu: „Und wir sollen uns von der Politik nicht so viel in den Sport hineinreden lassen.“ Ruhig, gemessen und zurückhaltend setzt auch er damit seine Unterschrift unter das Todesurteil der jungen Frau. Am 25. Mai wird Elisabeth Käsemann von der Junta hingerichtet. Wenige Tage später rollt der Ball auf dem argentinischen Spielfeld.

Dieses düstere Ereignis in der Geschichte des Deutschen Fußballbundes macht deutlich, wie weit der Fußball und die darum entstandene Geschäftswelt sich von der Realität der Menschen in den Austragungsorten entfernt haben. Auf dem Spielplatz werden Werte wie Fair Play und internationale Freundschaft hochgehalten, setzt man aber einen Fuß aus dem Stadion, so zeigt die Realität ein ganz anderes Bild: eine politisch zutiefst gespaltene Gesellschaft, die Verfolgung, Folter und Ermordung von politisch Oppositionellen und das Treten mit Füßen der Menschenrechte. Doch selbst von diesen Bildern konnten sich die Nationalspieler und Fußballfunktionäre erfolgreich abschotten, indem sie dieses feindliche Land nur mit einer bis an die Zähne bewaffneten Sicherheitseskorte durchqueren konnten.

Zuckerhut (Pão de Açúcar), Brasilien

Rio de Janeiro, Brasilien
© WirNosotros

In diesem Jahr, mehr als 30 Jahre später findet die WM wieder in einem lateinamerikanischen Staat statt, der damals von einer Militärdiktatur schwer gebeutelt wurde. Heute gilt Brasilien als der Motor Lateinamerikas, als starke Stütze der BRIC- Staaten mit einem neuen regionalen Selbstbewusstsein, geputscht durch starkes wirtschaftliches Wachstum. Doch die sozialen Unterschiede sind nachwievor groß. Dass Wachstum und Wohlstand nicht notwendigerweise aneinandergekoppelt sind- dafür ist Brasilien ein gutes Beispiel. Rio de Janeiro- Heimat des symbolträchtigen Maracanã Stadions- ist auch Heimat der Favelas, der Bandenkriminalität und der Armut. Und genau hier findet nun das Fußballereignis Nummer 1 statt: die Fußball- Weltmeisterschaft.

Genau jetzt wäre der Moment, um zu zeigen, dass der Sport etwas dazugelernt hat, dass er gelernt hat Verantwortung zu tragen und seine Rolle in diesem politischen Ränkespiel nicht nur wahrnimmt, sondern selbst nutzt, um einen positiven Unterschied zu machen. Denn gerade hier, gerade heute kommt die Fifa nicht nur in ein von sozialen Problemen gebeuteltes Land, sie ist auch selbst Ursache dieser Probleme. Die Fifa und ihre Sponsoren, die selbst unglaubliche Profite mit dieser WM einstreichen mit jedem Werbespot, jedem Public Viewing, jeder Eintrittskarte, jedem verkauften Fußball und die im Falle der Fifa auf ihre in Brasilien generierten Gewinne keinen Cent Steuern zahlen, sie sind entschieden die sozialen Kosten auf die brasilianische Bevölkerung abzuwälzen. Die Kosten für den Neu- und Umbau der Stadien haben sich in ungeahnte Höhen geschaukelt. Allein für den Ausbau der WM- Stadien hat die brasilianische Regierung 3,6 Milliarden Dollar investiert- in Stadien, die teilweise (wie in Manaus) für den tatsächlichen Gebrauch nach der WM vollkommen überdimensioniert sind. Geht man nach den Prognosen für die für Brasilien zu erwartenden Gewinne, bestehen diese vor allem aus „guter Stimmung“ und einem Moment der nationalen Euphorie. Ganz im Gegenteil die Profiterwartungen der Fifa, die von etwa 4 Milliarden Euro Einnahmen aus diesem Sportevent ausgehen.

Die Verwendung von Ressourcen ist immer eine Entscheidung- nicht nur für etwas, sondern immer auch gegen etwas. Die Verwendung von Ressourcen für die WM kann nicht getrennt werden von der Frage, wo diese Ressourcen nun gegenwärtig und zukünftig fehlen werden. Dies ist eine ureigenste politische Entscheidung. Die WM- das ist Politik von der Bewerbung Brasiliens um die WM über die Baumaßnahmen bis zur Niederschlagung der Proteste, der Kostenabwälzung auf die Bevölkerung und die gewaltsame Umsiedlung der eigenen Bevölkerung aus den Favelas. Wer das nicht erkennt oder nicht erkennen mag, der verteidigt nicht den Sport, sondern seine eigenen Interessen: das Interesse an einem schönen, ungetrübten Spiel und Entertainment, frei von Bildern des sozialen Elends, das Interesse daran den eigenen Wohlstand nicht hinterfragen zu müssen, solange man es sich selbst leisten kann mit einem Bier in der einen und dem nationalen Fähnchen in der anderen Hand den Tag vor dem Fernseher zu verbringen und schlussendlich vor allem das Interesse an ungebremsten Profiten für Sportfunktionäre und Sponsoren. Fußball ist keine Politik? Diese Aussage muss man sich tatsächlich leisten können.

Marieke Wagenhäuser

resumenEn los tiempos de la copa del mundo una gran euforia se extiende por el mundo. Sin embargo, en la gran pasión por este deporte se mezcla con la protesta social. Las manifestaciones en Brasil, junto con las evacuaciones violentas de las favelas y el aumento de los costos en los servicios públicos se han convertido en una muestra de las dimensiones culturales, políticas y económicas de grandes eventos de deporte como el mundial del futbol. Aunque los funcionarios de la FIFA siguen proclamando que el deporte no tiene nada que ver con cuestiones de política y que la política no debería meterse en asuntos del futbol- los varios ejemplos a lo largo de la historia nos muestran una verdad muy diferente. En cuanto a los políticos- ellos siempre supieron usar los eventos de deporte con gran publicidad para sus metas. Inolvidables son los Juegos Olímpicos de 1936 en el Alemania fascista cuando el régimen de Hitler usó los juegos para mostrar su cara falsa al mundo mientras el fascismo se extendía. Desde siempre los eventos de deporte han sido una ocasión para demostrar la fuerza y la potencia a una audiencia mundial- tal cual como lo hizo China en el 2008 al organizar los Juegos Olímpicos en sus tierras. Los juegos se convirtieron en un acto de propaganda a favor de una China potente y económicamente fuerte mientras la población sufrió por la corrupción y la violación de sus derechos fundamentales.

No es sorprendente que también las grandes organizaciones del deporte como la FIFA aprendieron a usar la política a su favor para aumentar sus ganancias. Solo el ejemplo de Brasil, donde la FIFA presionó al gobierno brasileño para que cambie sus leyes que hasta la fecha prohibieron la venta de alcohol dentro y alrededor de los estadios. ¿Para qué? Para que sus patrocinadores como “Budweiser” puedan vender sus productos y hacer sus ganancias.

Tomando en cuenta estos ejemplos, quien dice que organizar una copa del mundo en un país- cualquier país pero en particular en un país donde hay una gran desigualdad y luchas sociales importantes por la repartición de los bienes- no es política debe ser muy ignorante o simplemente muy brutal en seguir únicamente sus propios intereses. La decisión sobre el uso de los recursos de un país no se puede separar de una decisión profundamente política. El uso de recursos a favor de algo siempre incluye la falta de estos mismos recursos en otro lugar. La decisión de callar violentamente a las manifestaciones, de evacuar a la gente más pobre y de mandarla hacia un futuro incluso más inseguro- todo eso tiene que ver con la decisión a favor de la copa. Lo que implica que una vez dándose cuenta del rol político que juegan estos eventos seguir exigiendo que no hablemos de política cuando se trata del futbol es una tontería: la copa del mundo es pura política desde la decisión inicial de hacerla en Brasil hasta las acciones en contra de su propia población.

Advertisements

Teil deine Gedanken / Comparte tus pensamientos

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s